Wetzlar – Wo sich einst klare, kühle Bachläufe durch die Landschaft
schlängelten, bleiben in diesem Sommer wieder einmal vielerorts nur
trockene Rinnen zurück. Die Klimaerwärmung setzt Hessens Bächen massiv zu.
Immer häufigere lange Trockenperioden und kurze Starkregenereignisse
treffen auf versiegelte Flächen, begradigte Bachläufe und fehlenden
Schatten, sie bringen das Gewässernetz zunehmend an seine Belastungsgrenze.
„Die vielen kleinen Bäche im Land sind entscheidend für eine intakte und
leistungsfähige Natur. Nur wenn wir kurvenreiche Bachläufe mit naturnahen
Ufern fördern, können sie ihre vielfältigen Funktionen als Wasserspeicher,
Hochwasserschutz und Lebensraum für die biologische Vielfalt erfüllen. Sie
sind enorm wichtig für den natürlichen Klimaschutz“, erläutert die
NABU-Gewässerexpertin Dr. Sybille Winkelhaus. Fließgewässer helfen auch bei
der Klimaanpassung in Zeiten zunehmender Hitzewellen. Ein intakter Bach
wirkt wie eine natürliche Klimaanlage, indem er seine Umgebung durch
Verdunstung abkühlt. Im Siedlungsraum können Mensch und Natur gleichermaßen
vom kühlenden Mikroklima profitieren. Der NABU Hessen fordert die
Landesregierung deshalb auf, mehr für die Wiederherstellung der heimischen
Gewässer zu tun. „In vielen hessischen Regionen gibt es mittlerweile wieder
ein Verbot, Wasser aus Bächen, Flüssen und Seen zu entnehmen. Das zeigt,
wie dringlich zeitnahes Handeln ist“, so Winkelhaus.
Wiederherstellung von Bächen nötig
Die Bilanz beim Gewässerschutz des Landes ist ernüchternd: Bisher wurde in
Hessen nur für 11% der Fließgewässer ein „guter ökologischer Zustand“
erreicht. 65% aller Bäche und Flüsse sind in ihrer Struktur stark bis
vollständig verändert. Viele Bäche sind heute immer noch begradigt,
eingetieft oder verrohrt. „Früher schlängelten sie sich durch weite
Auenlandschaften und Moore, die wie natürliche Schwämme wirkten. Regen
konnte dort langsam versickern und speiste über lange Zeiträume das
Grundwasser, das wiederum die Bäche mit Wasser versorgte. Heute fließt das
Regenwasser oft ungebremst in die Kanalisation oder verdunstet von stark
versiegelten Flächen“, erläutert Winkelhaus. Deshalb ist es wichtig, den
Gewässern mehr Bewegungsfreit zu geben, damit sie wieder freier fließen und
Wasser speichern können. Hierbei spielt der Biber als fleißiger
Landschaftsgestalter eine große Rolle. „Wenn man den Biber machen lässt,
gestaltet er unsere heimischen Bäche fast kostenfrei wieder naturnah. Er
ist ein gewinnbringender Joker des Gewässerschutzes in Zeiten knapper
Kassen“, so Winkelhaus. Dafür brauche es nur die Ausweisung von 10 bis 30
Meter breiten Uferstreifen ohne oder mit eingeschränkter
landwirtschaftlicher Nutzung. Der Biber nützt auch der Landwirtschaft, weil
er dazu beiträgt, das notwendige Nass für das Wachstum von Getreide, Gemüse
und Obst in der Landschaft zu halten.
Gefährliche hohe Wassertemperaturen
Bäche beheimaten eine Vielzahl von Pflanzen- und Tierarten. Viele Fische,
wie die beliebte Bachforelle, nutzen sie als Kinderstube und sind auf
kühles, sauberes Wasser sowie einen durchgängigen Bachlauf angewiesen, um
frei bachauf- und -abwärts schwimmen zu können. Bei anhaltenden
Hitzeperioden haben Bäche und Flüsse mit hohen Wassertemperaturen zu
kämpfen, die den Sauerstoffgehalt des Wasser absenken und zu Fischsterben
führen können. „Die Wiederherstellung natürlicher Strukturen zur Abkühlung
von Gewässern gehört in den kommenden Jahren zu den wichtigsten Aufgaben
für den Schutz intakter Bäche“, betont Winkelhaus. Studien zeigen, dass
beschattete Bachabschnitte von einigen hundert Metern Länge die
Wassertemperatur lokal um bis zu etwa zwei Grad Celsius absenken können.
Das verbessert die Überlebensbedingungen für viele Fische und andere
Tierarten der Gewässer erheblich.
Naturschutzbund (NABU) - Landesverband Hessen e.V.
Friedenstraße 26
35578 Wetzlar
Landesvorsitzender: Maik Sommerhage
Geschäftsführung Kommunikation: Dr. Berthold Langenhorst (V.i.S.d.P.)